IPMI-Fernwartung: 24.650 Server geben Passwort-Hashes preis, bevor sich jemand anmeldet
Sicherheitsforscher der Firma Lava haben das Internet nach offen erreichbaren Server-Fernwartungsschnittstellen durchsucht und ein altbekanntes, aber weiterhin brandgefährliches Problem sichtbar gemacht. Insgesamt fanden sie 36.872 aus dem Internet erreichbare Management-Schnittstellen, die das IPMI-Protokoll sprechen. Bei 24.650 davon, also rund zwei Dritteln, ließen sich vom Passwort abgeleitete Authentifizierungs-Hashes abgreifen, noch bevor eine Anmeldung stattgefunden hat. Ursache ist CVE-2013-4786, eine Schwachstelle im Authentifizierungsverfahren von IPMI 2.0 (CVSS 7.5, Risiko hoch). Das Verfahren stammt aus dem Jahr 2004, die Lücke selbst ist seit 2013 dokumentiert.
Das Beunruhigende an diesem Fund ist nicht die Lücke, sondern ihr Alter. Sie ist seit 13 Jahren öffentlich beschrieben und trotzdem in zehntausenden Systemen ausnutzbar. Wer eine dieser Schnittstellen betreibt, sollte heute noch prüfen, ob sie am öffentlichen Internet hängt.
Was ist ein BMC und warum ist er so mächtig
Ein Baseboard Management Controller, kurz BMC, ist ein kleiner eigenständiger Verwaltungsrechner, der direkt auf dem Mainboard vieler Server sitzt. Er läuft getrennt vom eigentlichen Betriebssystem und arbeitet auch dann noch, wenn der Server abgestürzt, ausgeschaltet oder gar nicht bootfähig ist. Genau das macht ihn für Administratoren so praktisch und für Angreifer so wertvoll.
Über den BMC lassen sich Server aus der Ferne neu starten, eine Remote-Konsole öffnen, virtuelle Medien einbinden, Firmware aktualisieren und Betriebssysteme neu installieren. Er ist damit einer der am höchsten privilegierten Kontrollpunkte in einem Rechenzentrum. Verschiedene Hersteller haben eigene Namen dafür: HPE nennt es iLO, Dell iDRAC, Lenovo XClarity Controller, Supermicro hat einen eigenen Stack, und im Open-Source-Bereich ist OpenBMC verbreitet.
Für die Verteidigung ist ein kompromittierter BMC ein Albtraum. Klassische Sicherheitssoftware überwacht das Betriebssystem, den Kernel und die Anwendungen. Der BMC liegt unterhalb dieser Ebene und bleibt für die meisten Schutzwerkzeuge unsichtbar. Wer ihn kontrolliert, sitzt unter dem Betriebssystem und kann sich dort einnisten. Manipulierte BMC-Firmware überlebt eine Neuinstallation, einen Festplattentausch und die üblichen Schritte einer Incident-Response. Vertrauen lässt sich dann nur mit verifiziertem Neuflashen der Firmware oder im schlimmsten Fall durch Hardwaretausch wiederherstellen.
Die Schwachstelle im Detail
Der Kern des Problems steckt im sogenannten RAKP-Austausch von IPMI 2.0, dem RMCP+ Authenticated Key-Exchange Protocol. Wenn ein Client eine Anmeldung beginnt, antwortet der BMC mit einem HMAC-SHA1-Wert, der aus dem Kontopasswort und aus Sitzungsdaten berechnet wird, die der Anfragende ohnehin schon kennt. Das eigentliche Passwort steht dort nicht im Klartext, aber der Wert reicht aus, um Passwörter offline durchzuprobieren.
Und genau hier liegt die Gefahr. Ein Angreifer, der den UDP-Port 623 erreicht, fragt diese Antwort einfach ab und knackt das Passwort danach in Ruhe auf eigener Hardware. Für jeden neuen Rateversuch muss er den Server nicht erneut kontaktieren. Es entsteht also nicht das übliche Muster aus vielen fehlgeschlagenen Anmeldungen, das ein aufmerksamer Betreiber bemerken würde. Schwache, wiederverwendete oder werksseitig vergebene Passwörter fallen so besonders leicht. Zum Knacken genügt handelsübliche GPU-Hardware und ein Werkzeug wie hashcat.
Der Scan lief am 6. Mai 2026 über das Suchwerkzeug Shodan und lieferte die genannten 36.872 offen erreichbaren IPMI-Systeme. Zwischen Mai und Juli kamen im Schnitt rund 60 bisher unbekannte IP-Adressen pro Tag hinzu, die IPMI nach außen freigeben. Das Problem wächst also weiter.
Von den getesteten Systemen gaben 24.650 mindestens eine RAKP-Antwort vor der Anmeldung preis. Bei mehr als 30 Prozent der so gewonnenen Hashes ließen sich die zugehörigen Passwörter mit gängigen Wortlisten oder anhand vorhersehbarer Werksformate wiederherstellen. Zwei Auffälligkeiten stachen heraus:
6.240 BMCs akzeptierten einen leeren Benutzernamen und lieferten dazu ein schwaches Passwort-Material.
2.340 BMCs gaben für benannte Konten wie ADMIN oder root Material zurück, das zu Passwörtern aus öffentlich verfügbaren Wortlisten passte.
Viele dieser Treffer fielen bereits im ersten Durchlauf und innerhalb von Minuten. Die Forscher betonen, dass sie die gefundenen Passwörter nie an den Systemen ausprobiert und sich zu keinem Zeitpunkt tatsächlich angemeldet haben.
Auch eindeutige Werkspasswörter schützen nicht zuverlässig
Besonders lehrreich ist der Fall Supermicro, dessen Hardware mehr als die Hälfte der antwortenden BMCs ausmachte. Seit November 2019 verkauft Supermicro seine betroffenen Systeme nicht mehr mit dem berüchtigten Standardpasswort ADMIN:ADMIN, sondern mit einem eindeutigen, vorprogrammierten Passwort aus genau zehn Großbuchstaben, das auf einem Aufkleber am Gehäuse steht. Diese Umstellung geschah, um das kalifornische IoT-Sicherheitsgesetz SB-327 zu erfüllen, das eindeutige Zugangsdaten pro Gerät vorschreibt.
Auf dem Papier klingt das sicher. Zehn Großbuchstaben ergeben einen Raum von 26^10, also etwa 141 Billionen Möglichkeiten. Das ist zu groß für eine simple Wortliste. Das feste Format macht die vollständige Suche für einen gezielten Angreifer mit moderner GPU-Hardware aber praktikabel. Auf einem Server mit acht GPUs und hashcat lässt sich der gesamte Raum in etwa einer Stunde durchsuchen. Zum Beweis testete Lava zwei benachbarte IP-Adressen eines US-amerikanischen Bare-Metal-GPU-Anbieters, dessen Sicherheitsrichtlinie solche Tests erlaubte. Beide Systeme waren moderne Supermicro-Boards vom Typ X13DEM, gebaut 2023, und in beiden Fällen passte das rekonstruierte Passwort zum Zehn-Zeichen-Format des Aufklebers.
Bei HPE iLO ist die Lage noch enger. Das Werkspasswort besteht dort aus acht Zeichen mit Großbuchstaben und Ziffern, also 36^8 oder rund 2,8 Billionen Kombinationen, etwa fünfzigmal weniger als bei Supermicro. Auf einem Apple-M3-System dauerte die vollständige Suche pro abgegriffener Antwort etwa einen Tag. Auf einem Laborserver mit acht RTX-6000-PRO-GPUs waren es nur noch rund 32 Sekunden.
Dass diese Systeme längst im Visier stehen, zeigte ein weiterer Fund. Die Forscher stießen auf eine offen erreichbare Anmeldeseite eines HPE iLO 4, in deren Sicherheitshinweis eine Lösegeldforderung prangte. Der Text behauptete, die Daten des Servers seien verschlüsselt worden, und verlangte 0,3 Bitcoin. Ob wirklich verschlüsselt wurde, ließ sich nicht bestätigen. Klar ist aber, dass sich jemand Zugriff auf die Verwaltungsoberfläche verschafft und die Seite verändert hatte. Ein offen erreichbarer BMC ist eben keine vergessene Verwaltungsseite, sondern ein privilegierter Weg unter das Betriebssystem.
Warum das für KI- und GPU-Rechenzentren besonders brisant ist
In modernen KI-Umgebungen stehen tausende teure GPU-Server hinter gemeinsam genutzten Management-Netzen. Selbst wenn ein Kunde dedizierte Bare-Metal-Server mietet, hängen diese oft am selben Out-of-Band-Netz des Anbieters. Provisionierungssysteme, Orchestrierung, Zugangsspeicher und Verwaltungswerkzeuge erstrecken sich über die Infrastruktur mehrerer Kunden. Ein einziger übernommener BMC wird damit zum Sprungbrett. Die untersuchten Umgebungen hatten kaum wirksame Netztrennung, Zugriffskontrollen oder Überwachung auf der Management-Ebene. Aus einem kompromittierten Controller kann so ein Zugang zu großen Teilen der Rechenzentrumsinfrastruktur werden.
- UDP-Port 623 an der Netzgrenze blockieren, sodass IPMI von außen nicht erreichbar ist.
- Werksseitige Passwörter bereits bei der Inbetriebnahme durch starke, individuelle Passwörter ersetzen.
- Das Management-Netz getrennt von den Produktivsystemen überwachen.
- Veraltete und schwache Optionen abschalten, insbesondere IPMI 1.5, Cipher Suite 0, anonyme Konten und die Authentifizierungsart NONE.
- Zugriffskontrollen so setzen, dass nur freigegebene Administrationssysteme die BMC-Schnittstellen erreichen.